this is where idaho begins.
Dass es niemand weiter als passend oder wenigstens irgendsowas wie ‘witzig’ empfindet, den “Internation Day Against Homopobia” kurz IDAHO mit dem Lied “Idaho” von Kolya zu verbinden ist normal, weil das Internet nicht viel bzw. nichts über diese Band hergibt, wie soll jemand also überhaupt darauf kommen. Was absolut schade ist, denn es ist a) schöne Musik und passt b) so ungefragt gut zusammen: die traurige Gesamtsituation, die mit dem partyaffinen Fun-Trara um diesen Tag herum für eine kurze Zeit suggeriert, dass alles in bester Ordnung ist, solange nur jede_r sein eigenes Fest feiern kann und vor allem auch will. Und zum Wetter passt es auch noch, prima.
Letztes Jahr um diese Zeit, im nach wie vor stehenden Gebäude des ehemaligen Caleidospheres nahe des Bahnhof 'Jena West’, fand das Festival um den IDAHO, organisiert von einem Verband aus unterschiedlichen sich damit assoziierenden Gruppierung in Jena, statt. Genau wie in diesem auch gibt es das ganze Programm: Kultur (Film, DragPerson in 2009, Fotos in 2010, Konzert, Disco) & Vortrag (Vorurteil gegen über homosexuellen Personen). Beim obligatorischen Rumstehen und “Nörgeln” wurde einer dann auch gerne mal um die Ohren gehauen, wie “geil” es sich in Deutschland leben lässt und dass es abseits der mangelnden Repräsentation der eigenen Identität nichts gibt, was eine_n am glücklichen Leben hindert. Mittels Alkohol und Rage geriet das dann etwas aus dem Ruder der “sinnvollen Debatte” und endete mit einem “Jena ist nicht (Ost)Deutschland” und einem zugegebenermaßen patzig veräußerten Reisevorschlag in die Provinzen hiesiger Gefilde, welcher übrigens (wen wundert’s) nicht angenommen wurde.
this is where the fun begins
Dazu sollte erwähnt werden, dass wenige Tage zuvor bereits eine Feierlichkeit der eigensinnigen Art stattfand und sich das Ärgernis über die dahintrottende, harmlose Gleichförmigkeit in jeweils unterschiedlichen Kostümen kulminierte. Ich zitiere einen pointierten Rückblick:
„queer“ ist das neue „bad taste“
Am letzten Donnerstag initiierte das Gleichstellungsreferat (haha) eine coole „Alternative Gender Party“. Dies bedeutete, dass alle (!) die mindestens (!!) zwei (nicht weniger) Accessoires des jeweils anderen Geschlechts tragen (dies heißt: alle Frauen mit Krawatte und Hose, alle Männer mit Rock und/oder Kleid) bzw. sich verkleiden kostenlos Party machen dürfen. Musikalische und auch sonstige Beschallung (ohne Witz: Karaoke) waren da zu verorten, was gemeinhin als „Bad Taste“ oder „Trash“ bezeichnet wird. Es fordert regelrecht zum Kotzen auf, dass „queer“ oder auch „undoing gender“ sowohl ins Lächerliche gezogen wird („Freier Eintritt für alle Verkleideten“) und außerdem zum bloßen Partybegriff verkommt. Ähnlich der aus allen Löchern schießenden Badtastepartys, mittels derer man sozial erwünscht, kollektiv und total crazy (weil hässlich), gepflegt die Sau raus lassen darf um dem ungeliebten Alltag zu entkommen oder genau da gut zu funktionieren, mimt mensch für einen Abend den Außenseiter. Dass hier Geschlechterstereotype reproduziert statt hinterfragt werden, sollte eigentlich klar sein. Viel ärgerlicher erscheint jedoch die Assoziation des „gender“ oder „doing gender“mit „Trash“, Karaoke und Bad Taste, also mit etwas, das sowohl alltagsfern, da anscheinend nur wochenendtauglich, als auch letztenendes „eigentlich hässlich“ ist.
(via rosa extra blatt)
Die nachträgliche Bewertung (Rechenschaftsbericht) der Organisator_innen ist das eigentlich Zynische daran. Sie klingt das Gewäsch einer projektbasierten Politikberatung (oder wenigstens wie ich mir sowas vorstelle).
Nichtsdestotrotz: es soll sich jede_r selbst Eindrücke und Gedanken machen, deshalb hier der Hinweis auf das Programm des Festivals sowie zwei Veranstaltungen von anderen Gruppierungen.
“Speaking about silence – Homophobie im Sport”
Organisiert vom IDAHO-Jena, So, 16. Mai, 17 Uhr, Kassablanca, Podiumsdiskussion mit
- Tanja Walther-Ahrens
(ehem. Bundesligaspielerin bei Turbine Potsdam, heute Projektleiterin bei der European Gay And Lesbian Sport Foundation),- Karolin Heckemeyer
(Soziologin an der Uni Freiburg mit Arbeitsschwerpunkten “Soziologie des Sports und des Körpers” sowie “Geschlechterforschung und feministische Theorie”)- Marcus Urban
(ehem. DDR-Jugendnationalfußballspieler bei FC Rot-Weiß Erfurt)Bürgerliche Subjektivität und Homophobie
17. Mai – 20:00 Uhr – Radio Lotte Weimar (Niketempel), Goetheplatz 12: Heterosexualität und Homophobie sind notwendigerweise miteinander verbunden – als Folge einer spezifisch bürgerlichen (und damit männlichen) Subjektivität. Während das männliche Subjekt dazu gezwungen ist sich selbst zu beherrschen, soll die Frau als sein Anderes beherrscht werden. Der Homosexuelle stellt als Drittes diese Ordnung in Frage und muss daher als abweichend markiert werden. Der Vortrag will diesen Theorieansatz erklären und dabei auf Veränderungen in der Postmoderne eingehen. Organisiert von “AG Queer” der Neuen Linken. (via ärgernis)
Edit: Nochmal Ergänzungen (via ärgernis)
Diskriminierung und Toleranz gegenüber Homo- und Bisexuellen – Warum überhaupt?
Dr. Gerhard Reese
Dienstag 18. Mai - 20:00 Uhr – Radio Lotte WeimarQueer – eine Idee zur Auflösung der Geschlechterbilder
Mittwoch 19. Mai – 20:00 Uhr – Radio Lotte WeimarVortrag zu Verfolgung Homosexueller im Dritten Reich
Am Mittwoch den 19. Mai, 19Uhr (SR 208, Carl-Zeiß-Str., Jena) findet ein Vortrag über die Verfolgung Homosexueller zu Zeit des Nationalsozialismus statt. Dr. Gottfried Lorenz aus Glinde (Schleswig Holstein) wird zu diesem Thema einen Vortrag und eine anschließende Dislussion anbieten. Organisiert vom “Referat gegen Rechtsextremismus”.
Zum “Jenaer Toleranzfestival”: Vielleicht bin ich am Ende einfach wirklich nur zu (dauer)nörgelnd oder warum kotzt mich das dann doch mehr als dass ich es gut finde? Ich will das ja gut finden können, aber irgendwie… Darf unter der Schirmherrschaft des Oberbürgermeisters Albrecht Schröter (“Er wird helfen die Ordnung aufrechtzuerhalten.”, aus dem Kontext gerissen, aber leider passend via K’s Kriegstheater) eigentlich nichts riskiert werden oder gibt es nicht viel was noch kritisiert werden will? Ok, dann wird halt wieder gefeiert. Dennoch: die extraordinäre Partymeile als “Freiraum” zu deklarieren ist a) sehr fragwürdig und b) wäre es dann gleichzusetzen mit Abtakten und anderen Studi-Veranstaltungen, da regelmäßig “queer”-Partys stattfinden. Und auf diesen wird sich eher wselten die Frage gestellt, ob das “praktische Programm” von queer (insofern es dies überhaupt gibt) nicht zum scheitern verurteilt ist? In einer Gesellschaft, der tatsächlich wenigstens die profane identitäre Spaltung zwischen “Kapitaleignern” und “lohnabhängig Beschäftigten”, Planern und Verplanten, etc. zu grunde liegt? Wie sinnvoll ist ein Handlungskonzept, dass eben genau nicht auf Identitäten aufbauen, sondern diese (alle) negieren oder besser: aufheben will und wie kann das aussehen und an den relevanten Punkt greifen? Über “Verkleidungen”? Vielleicht habe ich auch die Bedeutung von Parodie und Zitat bei Judith Butler nicht verstanden… this is where idaho ends, quasi.
PS: Wenn mir jetzt die Partyaffinen* vorwerfen mögen, ich sei zu verkopft o.ä., sollen sie das gerne tun. Aber ich möchte auch an diejenigen appellieren, die von Feierbiestern wie Oliver Goldt ausgereiftes DJ-Fachwissen folgender Art entgegnet bekommen: “Le Tigre? Das will hier keiner hören”, sich selbst zu versuchen, denn die Veranstaltung auf die ich gerne gehe fehlt mir nachwievor/wieder (zur Aufgabe eigener Versuche siehe hier).
* aus der Kategorie naheliegende Scherze: “Partyaffen”