Mit zunehmendem Alter nimmt auch die Anzahl der Fälle zu, in denen man bei etwaigen Meldungen von Verstorbenen nun auch die Persönlichkeit hinter den Namen kennt und am Ende sogar schätzen gelernt hat. Fragmente aus dem (öffentlichen) “Trauerjahr 2011”:

Günter Amendt

A wie Adorno. Bei Adorno hat Amendt studiert. Dreißig Jahre danach schreibt der Schüler über sein Verhältnis zu diesem Lehrer damals und später, daß die Beziehung zwischen den Protagonisten der Studentenbewegung und den verehrten aber auch idealisierten Lehrern des Frankfurter Instituts für Sozialforschung auf einem Mißverständnis beruhte. Adorno und Horkheimer verfolgten ihre eigene Agenda. Ihre Distanz zu dem, was auf den Straßen geschah und in den Hörsälen sich abspielte, war größer, als die studentischen Aktivisten wahrhaben konnten und wahrhaben wollten.  

Als die Protestbewegung in ihre militante Phase eintrat und Horkheimer sich in die Salons des Frankfurter Bürgertums zurückzog, war es Adorno, der die Auseinandersetzung mit den rebellischen Studenten und Studentinnen austrug: „Die Meriten der Studentenbewegung bin ich der Letzte zu unterschätzen, sie hat den glatten Übergang zur total verwalteten Welt unterbrochen. Aber es ist ein Quentchen Wahn beigemischt, dem das Totalitäre teleologisch beiwohnt.“

1968 hätte oder hat Amendt heftig widersprochen. 1998 schreibt er: „Kein Widerspruch von meiner Seite.“ Durch eine gerade erschienene Dokumentensammlung fühlt Günter sich jetzt noch einmal mit voller Wucht auf die „schäbigen und beschämenden Aktionen“ gestoßen, die diese Auseinandersetzungen begleiteten. Schäbig und beschämend deshalb, weil wir, mehr als uns bewußt war, an den Verdrängungsmechanismen unserer Eltern teilhatten. Hätten wir verstanden, was es für einen nach Deutschland zurückgekehrten jüdischen Emigranten bedeuten muß, von deutschen Studenten unter Druck gesetzt zu werden, und sei es nur symbolisch, dann hätten wir die politisch wohl unvermeidliche Auseinandersetzung mit Adorno so nicht führen können und so nicht führen dürfen. 

[…]

P wie Prostitution. 1988, die Parole heißt Glasnost, schreibt Amendt einen Offenen Brief an die Redaktion der Zeitschrift „Sowjetunion heute“:

„Werte Genossen, werte Genossinnen, das Titelblatt Ihrer Oktoberausgabe und der dazugehörige Artikel ‚Moskaus schöne Mascha’ veranlassen mich, Ihnen zu schreiben. Offensichtlich ist es die Absicht Ihrer Redaktion, den Wettbewerb weiblicher Schönheiten um die Krone der ‚Miss Moskau’ als ein Zeichen der Öffnung und eine Errungenschaft der Umgestaltung vorzuführen. Das Foto der auf einen posierenden weiblichen Körper gerichteten Kameraobjektive, mit dem Sie Ihren Artikel ‚Moskaus schöne Mascha’ illustrieren, ist eines der widerwärtigsten Bilddokumente der Sowjetunion heute im Zeichen der Umgestaltung. Die Ausstellung menschlicher Körper zum Zwecke der Prämierung und die öffentliche Normierung eines Schönheitsideals ist Ausdruck einer Menschenverachtung, wie sie bisher nur im Kapitalismus üblich war. Diese Vorform der Prostitution und Variante des internationalen Frauenhandels ist immer angewiesen auf neue Modelle, in dieser miesesten und niedrigsten Form der kapitalistischen Unterhaltungsindustrie ist junges exotisches Frischfleisch, wie es im Jargon des Gewerbes heißt, immer willkommen. Mit solidarischem Gruß …“

Q wie Quatsch. Amendt über den Satz „Lesbierinnen sind Frauen, die sich entschieden haben, Frauen zu lieben“, ein Zitat aus der US-amerikanischen Feministinnen-Literatur:

„Welch elitärer Quatsch! Lesbierinnen sind Frauen, die homosexuell sind. Sie sind homosexuell, weil sie homosexuell sein müssen. Und wenn sie was kapiert haben von ihrer Lage, dann wollen sie auch homosexuell sein. So ist das. Es gibt da keine freie Wahl nach dem Motto: Was hätten gnädige Frau denn heute gern?“

(zitiert aus Hermann L. Gremlizas Trauerrede zum Tod von Günther Amendt; nachzuhören hier & nachzulesen hier)

Amy Winehouse

“Das Leben war ihr nicht Droge genug. Ich meinerseits kann ihre furchtbare Unruhe, ihren nicht zu betäubenden inneren Aufruhr gut verstehen. Es ist nicht leicht, das Dasein auszuhalten, wenn man sich mit seiner in Wahrheit sinnlosen Absurdität und seinen kläglichen Gemeinheiten nicht abfinden kann. Und es trotzdem in vollen Zügen genießen will. At heart she was a punk. Und deshalb womöglich untherapierbar. Vielleicht am schwersten zu ertragen ist die Bürde des eigenen Talents. Ständig soll man etwas daraus machen, muss man es noch besser machen, ständig will irgendjemand was von einem. Einige Moralinabsonderer werfen Amy ihre Selbstzerstörung vor. Aber sie hatte doch keine andere Waffe bei ihrer Revolte gegen den Druck, Vernunft anzunehmen und mitzumachen, so wie alle anderen auch.”

Richard Herzinger (via Bernd Volkert)

Laura Kennedy (rechts im Hintergrund; Bush Tetras)

“Working the neck of her bass, she whipped up a firestorn of notes to a point where her bass cabinet started to rattle the stage, causing the tone arms on my turntables to bounce around from the vibrations and create an insane noise and rhythm. Who needs a drum set when you got Laura Kennedy in your band?”

(Danny Sigelman)

Tura Satana, Georg Kreisler, Loriot, Gil Scott-Heron, Trish Keenan (Broadcast), einige andere Popschaffende, komische Diktatoren und eine erschreckende Vielzahl Oppositioneller…

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