Es muß schön sein, in einem warmen Hamburger Zeit-Büro zu sitzen und bei einer Tasse Cappuccino ex cathedra das Lebensglück fremder Menschen zu verhandeln: “Nicht Serbien muß den Zugang zu unserem Asylsystem verhindern, sondern wir. Roma gehen nicht nach Frankreich, wo es gerade einmal zwölf Tage dauert, bis der Antrag abgelehnt wird”, sondern nach “Belgien, Schweden und Deutschland, weil sich dort der Bearbeitungsprozeß von Asylanträgen über Monate, manchmal über Jahre erstreckt… Für viele verzweifelte Roma-Familien ist diese Zeitspanne in Deutschland eine Auszeit vom Elend. Daß die Betroffenen diese Möglichkeit wahrnehmen, ist nur allzu verständlich. Aber das Asylverfahren ist kein legitimer Weg, ihre Not zu lindern.”
Nun kennt Not aber bekanntlich kein Gebot, und es sollte der Mariam Lau keiner wünschen, daß sie in Umstände geriete, wo ihre Wohlfahrt den Legitimitätsüberlegungen einer mittelmäßig talentierten Bürgerjournalistin unterfiele, die ein “Asylsystem”, dessen aktuelle Ausgestaltung sich ausländerfeindlichen Morden und Mordversuchen (Hoyerswerda, Rostock, Hünxe, Mölln, Solingen) verdankt, feierlich für “unser” hält.
[…]
Die Mischung aus Sentiment und Brutalität, die nach allgemeiner Auffassung zum deutschen Nationalcharakter gehört, verkörpert das Hamburger Kleinkalibergewehr der Pfeffersack- und Studienratsdemokratie perfekt: mit Leidensbittermiene das Elend der Welt beklagen und im selben Satz den Jägerzaun noch ein bißchen spitzer feilen sind da immer eins. Hauptsache, die Welt erfährt, der gute Deutsche leidet mit […]
“Aber die Bereitschaft, den politisch Verfolgten großzügig Asyl zu gewähren, hängt auch davon ab, ob wir Mißbrauch verhindern und ob diejenigen, die hier bereits hilfe gefunden haben, unsere Aufnahmebereitschaft zu schätzen wissen.”
Zweierlei nimmt hier den Atem: die gönnerhafte Selbstgerechtigkeit einer Moraldarstellerin, die selbst die, die sie zu echten schützenswerten Asylanten adelt im selben Atemzug als genau die Störenfriede denunziert, die man in Rostock damals halt nicht grundlos angezündet hat, und zweitens die Selbstverständlichkeit, mit der Journalismus als Pro-domo-Veranstaltung für rotgrüne Spießer praktiziert wird, die nicht jahrzehntelang Treblinka bedauert und zwischen dem Hippiestrand von La Gomera und der Jeansabteilung von Macy´s ihre Weltläuftigkeit unter Beweis gestellt haben, um jetzt die Spezifika ihrer sagenhaften Menschenfreundlichkeit für sich behalten zu wollen.
Stefan Gärtner, Draußen vor der Altbautür, in: Titanic, Dezember 2012.
(via ey hier)









