Kaum ist die Spezialität “girls with guns” da, gibt es aus aktuellem Anlass eine Sonderausgabe: Tura Satana verstarb am 04. Februar 2011. Bekannt wurde sie vor allem durch “Die Satansweiber von Tittfield” (im Original: “Faster, Pussycat! Kill! Kill!”). In dieser Reihe bemerkt werden soll sie trotzdem sie ohne (handelsübliche) Waffen als Kopf “einer Gruppe von Go-Go-Tänzerinnen, ein Paar entführen, den Burschen töten und das Mädchen mitnehmen”. Ihre eigenen “Waffen” (ordinär würde es als “weibliche Reize” bezeichnet) machten sie zum elementaren Teil des Russ Meyer ‘Exploitation’-Films und Ikone des Trash-Porno-B-Movie-Genre wie auch einiger cultural und iconic turn beeinflusster Texte. Im Folgenden soll mit zwei Passagen aus der Sammlung “Brüste kriegen” von Sarah Diehl (Autorin & Filmemacherin [Abortion Democracy]) an sie erinnert werden*.

(source: cinema.de)

“Tura und ich”. Sarah Diehl.

“Mit 14 trampte ich nach Wiesbaden, um mir die Brüste von Tura Satana anzusehen. Ich hatte schon viel von ihnen gehört. “Faster Pussycat, Kill, Kill” lief in einem Programmkino und ich wusste, das würde für die nächsten Jahre wohl die einzige Möglichkeit sein, mir diesen Film mitsamt den Brüsten anzusehen. Videotheken in hessischen Dörfen führten zwar einigen Trash und Pornos, aber das war ihnen doch noch nicht untergekommen. Und außerdem, wie sollte ich das meinen Eltern erklären? Unser Videogerät befand sich an einem öffentlichen Ort und nicht in einer abschließbaren Kabine. Stattdessen erklärte ich ihnen, dass ich bei einer Freundin übernachtete und machte mich auf den Weg zur nächsten Autobahnauffahrt nach Wiesbaden.

Ich trug eine Lederhose und ein enganliegendes Oberteil mit blau-weißen Streifen und einer Knopfleiste, darunter trug ich nichts. Das heißt wirklich nichts, was Frauen darunter tragen, wirkliche Frauen, Frauen wie Tura, nämlich jeweils zwei Kilo Bindegewebe mit Nippeln dran. Ich hatte Nippel, immerhin. Aber die Nippel erinnerten daran, das etwas fehlte, jedenfalls in Kombination mit einer Vagina, die etwas weiter unten angesiedelt war. Denn wenn andere Nippel aber ohne Vagina zwei Kilo Bindegewebe bei den Nippeln hatten, lief was falsch, so geht die Geschichte.

Die Schlange vor dem Kino war lang, ich schlurfte lässig bis zum Ende. Für mich war das hier eine Art Programmkino und ich wollte Anerkennung dafür, dass ich mich hierher traute. Allein ins Kino zu gehen war schon ein richtiges Event. Da, wo ich herkam, gab es keine Kinos. Dafür gab es vier Bordelle.

Ich saß alleine in meiner Kinosesselreihe und Tura stöhnte unter Dusche: “Uhhhaahh, da wird mir schon ganz anders.” Die Jungs vor mir stöhnten: “Ja, mir auch.” Ich wusste nicht so recht, ob ich neidisch sein sollte. Welchen Vorteil hatten große Brüste, wenn dumme Jungs dumme Kommentare dazu abgaben?

[…]

Ihre Brüste konnte ich eher betrachten als meine eigenen, ihre waren frei zur Beschau. Abgesehen davon, dass man sie vor den Jungs verstecken musste, fielen mir meine eigenen nicht weiter auf. Ich wusste jedenfalls, dass ich die Jungs, die vor mir saßen, mit etwas anderem beeindrucken musste, wenn ich ihre Aufmerksamkeit wollte. Aber das wollte ich gar nicht, ich hatte mich schließlich nur hierher geschlichen, ich war eigentlich gar nicht da, das hier war kein Ort, wo ich an etwas teilhaben konnte. Ich war klein, hatte kaum Brüste, starrte andere Brüste an und war nicht berechtigt, mich wie ein Mann in einem Pornokino aufzuführen, ich war nicht erregt, konnte mit niemandem über die Peinlichkeit des Films lachen und musste mir gleich die ganze Nacht in Wiesbaden um die Ohren hauen, weil meine Eltern dachten ich übernachte woanders. Tja.

Irgendwie war der Film nicht so inspirierend gewesen, er hatte mich in meinem gerade erwachtem feministischen Bewusstsein eher verwirrt, weil ich nicht wusste, ob er nun sexistisch war oder nicht. Ich würde aber auch drei Jahre später noch darüber verwirrt sein, dass die Sängerin von Bratmobile sich plötzlich umdrehte und anfing, burlesk mit ihrem Hintern zu wackeln, waren sie doch Heldinnen der feministischen Riot Grrrl-Bewegung. Doch ich war beruhigt, gesehen zu haben, dass Turas Brüste hingen und nicht geradeaus schauten, wenn sie nicht von ihrem Wunder-BH gehalten wurden. Sie waren groß und hingen, wie bei Tante Elsbeth. Es gab da kein Geheimnis.

Nachdem Tura zwei Menschen ermordet hatte, darunter zu meinem Verdruss auch zwei Frauen, verließ ich den Kinosaal. […]”

Sarah Diehl, “Tura und ich” in: “Brüste kriegen”, 13-17 (Verbrecher Verlag 2006)

Weitere Texte von Sarah Diehl: 

  • „Pri­vi­leg Pop. Pop­fe­mi­nis­mus braucht eine Ana­ly­se der ge­sell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se“ (via jung­le world 17/2008)
  • „Der Schwan­ger­schafts­ab­bruch ge­hört zum Leben dazu. Re­pro­duk­ti­on, Ab­trei­bung und Ver­hü­tung: die un­an­ge­neh­men und ver­nach­läs­sig­ten The­men“ (via co­py­ri­ot)

“Faster, Pussycat! Kill! Kill!” kann man sich hier anschauen.

* Auch wenn mir ein wenig unwohl ist, die gute Frau auch noch nach ihrem Tod mit ihren sexualisierten Körpermerkmalen zu identifizieren und zu “ehren”.

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