[Triggerwarnung/Disclaimer: Der folgende Text thematisiert sexualisierte Gewalt und den Umgang in konkreten Fällen vom Dorf Insel in Sachsen-Anhalt. Es werden also vor allem Reaktionen auf Opfer wie Täter_innen geschildert. Es geht nicht darum irgendwelche Taten zu relativieren, sondern ihren gesellschaftlichen, spezifisch deutschen Kontext zu betonen und Aspekte in die “Debatte” aufzunehmen, die bisher noch nicht erschöpfend beachtet wurden.] 

Seit dem Sommer 2011 ist das Dorf „Insel“ im Norden Sachsen-Anhalts durch irritierende Szenen über die Region hinaus bekannt, in welchen die Ortsansässigen sich zu einem Mob formieren und vor einem Wohnhaus öffentlich Parolen wie „Wir sind keine Insel für Straftäter“ skandieren. Der Auslöser dieser Unruhen sind zwei zugezogene Männer aus Baden-Württemberg. Ich erwähne ihre Herkunft bzw. ihr Zuziehen vor ihrer Straffälligkeit deshalb, weil dieses Detail in der weiteren Betrachtung keine unwichtige Rolle spielt. Die zwei Männer wurden in den achtziger Jahren wegen mehrfacher Vergewaltigung zu fünfjährigen Freiheitsstrafen mit anschließender Sicherungsverwahrung von 25 Jahren verurteilt. Mit Beschlüssen des Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte sowie den entsprechenden Veränderungen durch das Bundesverfassungsgericht ist eine Sicherungsverwahrung seit 2010 verfassungswidrig. Juristische Neuregelungen stehen noch bis Sommer 2013 aus. Im Fall der nach Insel gezogenen Männer gehe Gutachten zu Folge kein „herausragendes Gefahrenpotential“ mehr aus.

Für die Insulaner_innen ist die Beurteilung durch legitimierte Straf- und Überwachungsinstanzen aber nicht ernstzunehmen. Als die beiden Männer im Sommer 2011 nach Insel ziehen dauert es nicht lange bis sich eine Bürgerinitiative zusammengefunden und den Mob zum politischen Akteur gemacht hat. Regelmäßig zieht die Dorfbevölkerung die Dorfstraße mit Transparenten und Schmährufen entlang, um vor dem Haus, in welchem die beiden Zugezogenen wohnen, die verbalen Messer zu wetzen. Bei verbalen Attacken, die bei genauerem Hinhören bereits Nackenhaare aufstellen, bleibt es nicht: nur wenige Tage nach dem Bekanntwerden der neuen Nachbarn versuchten Alteingesessene das Wohnhaus der Neulinge anzuzünden. Die Anstrengung, den beiden Ex-Häftlinge ihre Chance auf Resozialisierung zu verunmöglichen, führt nicht nur theoretisch zu einem direkten Schulterschluss mit der explizit rechten Szene.

Seit Parolen wie „Todesstrafe/Keine Gnade für Kinderschänder“ und Fernsehspektakel wie der Auftritt von Til Schweiger bei Markus Lanz („Wir brauchen eine Meldepflicht für Sexualstraftäter“, „das deutsche Gutmenschentum sagt dann, das [ein Internetpranger, B.Z.] ist gegen die Menschenwürde“, „jemand der eine Sexualstraftat begeht, hat sein Recht in dieser Gesellschaft verwirkt“) salon- bzw. fast konsensfähig sind, kann guten Wissens eigentlich nicht davon gesprochen werden, dass „die Rechten“ den „Bürgerprotest“ oder dessen vermeintliches Anliegen „instrumentalisieren“ oder für „ihre eigenen Zwecke missbrauchen“ wollen. Der Kommentar in einem MDR-Beitrag dazu, dass sich die Dorfgemeinschaft hinter die Transparente von Neonazis stellt – „als wisse man nicht wer dort vor einem steht“ – verkennt die gemeinsamen Anliegen und Beweggründe. Mit tatkräftiger Unterstützung von „Gästen“ (Alexander von Bismarck, Bürgermeister Insel) wie Heiko Krause („Scharnier zwischen NPD und Kameradschaften“, der bekannt ist für Sätze wie „Möge das deutsche Reich bestehen, bis Erd und All vergehen“) und Internetplattformen wie den „Kompakt Nachrichten – …wir sprechen deutsch!“ (1) oder der „Wählergemeinschaft Bildung – Zukunft – Hildburghausen“ (2) bildet sich ein Netz der Stimmungsmache und praktischem Schulterschluss.

Auf einen von der NPD zum Video umgestalteten Radiobeitrag auf Youtube, lassen sich widerwärtige und die Lustphantasie an der Qual anderer verdeutlichende Kommentare finden – der User „tahwke“ meint: „Ich hätte die Zusammengeschlagen und Ihnen einen Riesen Dildo ins Arsch gestopft“. Die Kommentare ähneln denen der geschlossenen Facebook-Seite der BI Insel – abknallen, zerhacken, nicht mal vor Gericht sehen waren dort die Hauptschlagworte.

Nachdem sich also bekennende Neonazis mit dem „Bürgerprotest“ (bzw. dieser oder Teile dessen sich mit ihnen) gemein machen, reagiert die Landesregierung mit einem Abkommen mit einem der Ex-Häftlinge, so dass dieser den Ort verlässt. Er zieht nach Chemnitz und wird dank der Unterstützung von NPD und BILD mit ähnlichen Szenarien seitens der Chemnitzer_innen unwillkommen geheißen wie zuvor in Insel. Das Drecksblatt betitelt den 54jährigen als „Sexgangster“ und nach nur einer Woche kehrt dieser zurück nach Insel. Nach seinem Rückzug kam es immer wieder zu Angriffen auf das Wohnhaus durch circa 50 Personen aus Insel.


»Man muss ja sagen, dass durch die Anwesenheit der Rechten ja jetzt erst endlich was passiert ist.« 

(Alexander von Bismarck)


Mit zunehmender Anzahl an Neonazis bei den weiterhin regelmäßig stattfindenden Demonstrationen in Insel sieht die Bevölkerung wie Politik Handlungsbedarf, um sich ideologisch abzugrenzen. So versuchen die Anmelder_innen der Demonstrationen es (ironischerweise) mit räumlicher Trennung: den Kopf der Demo bilden die sich als gesunde „Mitte“ verstehenden Bürger_innen während sie am Ende, durch die Polizei getrennt, von unbestreitbaren Neonazis abgeschlossen wird. Die Rechten stehen „hinter ihnen“. Einen Anstoß für diese Intervention formuliert eine Ordnerin wie folgt: „Die Rechten stehen im Vordergrund und wir werden nicht mehr gehört“. Sowohl das Anliegen der Demonstration als auch die Schnittmenge zu den „düsteren Gesellen“ von Rechtsaußen wird in keinem Moment thematisiert geschweige denn in Frage gestellt. „Wir haben sie nicht angefordert, sie sind gekommen“ – nur stellt sich keine_r die Frage warum das eigentlich der Fall ist. Dass die rechte Szene „bürgerliche, emotionale Themen“ besetzt – geschenkt. Aber sowohl „Argumente“ wie Vehemenz und Rhetorik seitens der normalen, deutschen „Bürgerlichen“ gleicht den rechten Schmuddelkindern und wird sich nicht durch Empörungsbekenntnisse oder durch die Einführung eines Demo-Staffellaufs verdecken lassen.

Während die Insulaner_innen nunmehr selbst gegenüber der Polizei handgreiflich werden, bittet Klaus Schmotz (Bürgermeister Stendal) darum, doch beide Seiten zu verstehen. Immerhin, könnte man meinen. Mit einem Beitrag aus der Sendung „Fakt“ (MDR, 26.06.2012) wird seine Aussage zum Schutzbedürfnis der Bürger_innen jedoch überaus madig. Er, der er es als Bürgermeister des nächsten Ortes wissen könnte, ignoriert die Geschichte des Dorfs und stellt nicht die Frage danach, warum die Bürger_innen so versöhnlich mit den „hausgemachten“ Vergewaltigern aus Insel umgehen. Mit dem „Fakt“-Beitrag werden nun nicht mehr nur die Ressentiments der Bevölkerung deutlich, sondern vor allem auch deren Doppelmoral und ihre Einbettung in das was in anglophonen Debatten als „rape culture“ bezeichnet wird.

Kurzer Exkurs zum Begriff „rape culture“: Es ist ein schwieriges Unterfangen diesen Begriff zu bestimmen, insbesondere weil es bei themenrelevanten Debatten in hiesigen Kontexten vor allem immer abrupt und ausschließlich um das Konzept der „Definitionsmacht“ geht. Eine Debatte darum hat auch ihre Berechtigung, aber nicht zuletzt wird dabei häufig vergessen, die Perspektive auf die gesellschaftliche Einbettung zu legen.

Vor kurzem hat „antiprodukt“ mit anderen versucht den Begriff „rape culture“ zu übersetzen. Hier ein paar für den „Fall Insel“ relevante Punkte:

Rapeculture ist das Beschuldigen des Opfers. Rapeculture ist, wenn ein Richter einem Kind die Schuld an der eigenen Vergewaltigung gibt. Rapeculture ist, wenn ein Pfarrer seine eigenen minderjährigen Opfer beschuldigt. Rapeculture ist, wenn eingeworfen wird, es würde dem Kind doch gefallen, als Geisel genommen, vergewaltigt und gefoltert zu werden. Vergewaltigungskultur ist wenn ein gewaltiger Zeitaufwand betrieben wird, um einen Grund dafür zu finden, dem Opfer die Schuld an der eigenen Vergewaltigung zu geben.

Rapeculture legt Opfern die Bürde auf, Vergewaltigungen zu verhindern. Rapeculture ermutigt Frauen, Selbstverteidigung zu lernen, als wäre es es die einzige Lösung Vergewaltigungen zu verhinden. Vergewaltigungskultur ermahnt Frauen “gesunden Menschenverstand einzusetzen”, oder “verantwortungsvoller zu sein“, oder “die ‘Stammtisch-Risiken’ zu erkennen”, oder “gewisse Orte zu meiden”, oder “sich nicht so anzuziehen“, und versäumt, Männern klar zu machen, nicht zu vergewaltigen.

Rapeculture ist die allgemeine Annahme, es gäbe unterschiedliche Arten von Vergewaltigern: Der “normale” Vergewaltiger (dessen Verbrechen sehr wahrscheinlich mit einem “Jungs sind halt Jungs” fallengelassen werden) ist der Mann, der sich attraktiven Frauen aufzwingt, Frauen seines Alters bei guter Gesundheit, dessen Verbrechen auf verstörende Art von seinen männlichen Verteidigern als verständlich angesehen werden. Die “echt Kranken” sind die Männer, die nach Kindern, alten Frauen, Behinderten, Unfallopfern im Koma her sind – diejenigen, die sich nicht wehren können, bei denen Vergewaltigung als “pikant” gilt. Anders als bei der Vergewaltigung “hübscher Mädchen”, die man einfach als Fickkampf-Fantasie voller Quietschen und Winden und eventuell als Kompliment für das Mädchen vergewaltigt worden zu sein abtun kann.

Rapeculture ist das Bild der Vergewaltigung durch Wildfremde, obwohl die Täter zu 29 % aus dem Bekanntenkreis kommen, in 27 % der Fälle Vater, Stiefvater, sonstiger naher Verwandter und in 10% der (Ex-)Partner sind.

Rapeculture ist die verbreitete Geschichte, dass Vergewaltigungsopfern, die ihre Vergewaltigung anzeigen, bereitwillig geglaubt wird und sie die nötige Unterstützung erhalten, anstatt einzugestehen, dass die Anzeige einer Vergewaltigung eine große persönliche Belastung ist, ein schwieriger Prozess der peinlich, beschämend, verletzend, frustrieren und allzuoft erfolglos ist. Rapeculture is, zu ignorieren, dass es wenig Antrieb gibt, eine Vergewaltigung anzuzeigen – eine fürchterliche Erfahrung mit nur einer geringen Aussicht auf angemessene Rechtsprechung.

Rapeculture ist es, den Ernst eines sexuellen Übergriffs, versuchten sexuellen Übergriffs oder einer tatsächliche oder mögliche Nötigung auf irgend eine Art zu verharmlosen.


Ein konkretes Beispiel im Insel-Fall lässt sich auf dem erwähnten von der NPD eingestellten Video finden – User „updraftpower“ meint: „Naja, “bloße” Vergewaltigung (von geschlechtsreifen Frauen) kann gegebenenfalls durch die heutige schlüpfrige Mode provoziert werden, aber Pädophilie ist durch nichts zu entschuldigen und meiner Meinung nach auch nicht heilbar. Daher haben die Pädophilen ihre Rechte verwirkt“

Der „Fakt“-Beitrag (wie auch der Aufruf des Bündnis „8. Juli“) offenbart die „Scheinheiligkeit der Proteste“ und thematisiert zwei der Dorfgemeinschaft bekannte Fälle von Vergewaltigung im Dorf. Einer passierte in der Achtzigern, ein anderer erst im Sommer 2005. Ein damals 12jähriges Mädchen wird von einem der Bewohner von Insel vergewaltigt.

Mit dem bisher skizzierten Verhalten der Insulaner_innen könnte darauf geschlossen werden, dass diese Fälle vielleicht nicht dem erschreckenden Lynchmob überlassen wurden, aber die Bevölkerung wenigstens Anteilnahme oder Solidarität mit dem Opfer zeigt und diese Vorfälle in ihren heutigen Protesten als „Argument der Angst“ (…) anführt. Aber nichts dergleichen, das Gegenteil war und ist der Fall. Das zum Opfer gewordene Mädchen wurde beschimpft und mit Vorwürfen konfrontiert. Sie sei eine „Schlampe, mit der [könne] jeder ins Bett“, „die will das so“ und deswegen hätten die Eltern gar kein Recht gehabt, den Täter anzuzeigen, es sei eine Frechheit ihm das Leben zu verbauen und ihm unterzujubeln, dass er ein mieser Typ sei (Zitate aus „Fakt“). Trotzdem der Fall vor Gericht verhandelt und der Täter wegen schwerem sexuellen Missbrauch eines Kindes verurteilt wurde, schenkte die Dorfgemeinschaft der 12jährigen weiterhin keinen Glauben und die Beschimpfungen ihr gegenüber hielten an (auch hier legen die Insulaner_innen keinen Wert auf die Intervention durch legitimierte, staatliche Straf- und Überwachungsinstanzen).


„Seine Tat ist ein Tabuthema in Insel. Verdrängt. Verdreht. Damals. Und heute. Was die Vergewaltigung von 2005 mit dem Konflikt um die beiden aus der Sicherungsverwahrung entlassenen Männer zu tun hat? Gar nichts, sagt eine Frau, die ihren Hund spazieren führt. „Die beiden damals waren doch ein Liebespaar.“ Eine Zwölfjährige und ein junger Erwachsener, ein Liebespaar. So einfach ist das in Insel. Der Einwand, der Mann sei verurteilt worden, zieht nicht bei der Hundehalterin: „Sie wissen doch, wie das ist“, sagt sie mit verschwörerischer Stimme, „das Mädchen will nicht mehr, der Mann will aber noch“. Dann sei es halt „so hingedreht worden“ als Vergewaltigung. Eine andere Einwohnerin will sich an nichts erinnern können: „Ich wohne seit 1999 hier, aber davon weiß ich nichts.“ Schwer vorstellbar bei einem Verbrechen, das seinerzeit Gesprächsthema Nummer eins war in dem 400-Einwohner-Ort.“

(Mitteldeutsche Zeitung)


Auf die Frage hin, ob diese konträren Reaktionsweisen nicht „zweideutig“ seien, antwortet ein Mitglied der „Bürgerinitiative“ folgendermaßen: „das ist nicht zweideutig, diese beiden Straftäter wohnten nicht in Sachsen-Anhalt, die kommen aus Baden-Württemberg“. Auf die Frage hin, ob es einen Unterschied mache, ob der Straftäter aus dem Ort kommt oder ob er zugezogen ist antworte sie: „Auf alle Fälle, dann kennt man die Verhältnisse und dann wäre das auch etwas anders, dann würde man das ganz anders sehen“.

Das Bündnis „8. Juli“ tut nun das, was einzig sinnvoll und richtig erscheint: die Solidarität mit denjenigen aussprechen, die Opfer des „Volkszorns“ geworden sind. Das heißt – entgegen einiger Beiträge in kruden Blogs – eben nicht, dass man sich mit der Tat der Ex-Häftlinge oder ihnen als Subjekt „Ex-Häftling“ gemein macht. Jede_r ist vor allen Konsequenzen der Mechanismen von Dorfklüngel und Volksverbundenheit zu schützen. Eine Solidarität mit den „Opfern des Volkszorns“ heißt im Fall Insel implizit auch sich mit den Mädchen bzw. nunmehr Frauen zu solidarisieren, die zunächst Opfer einer Vergewaltigung geworden sind und anschließend auch noch die beschämende Ignoranz, Verantwortungsumkehr, Unterstellungen und Beleidigungen ertragen mussten. Um den vergangenen Erfahrungen sexualisierter Gewalt und dem „slut shaming“ noch eins drauf zu setzen, sind viele Bürger_innen und nicht zuletzt die Täter_innen offenkundig derartig frei von jeglichem Schamgefühl, dass sie in den „Protesten“ gegen die zugezogenen Ex-Häftlinge ganz vorne mitpoltern.

Wer also Bademode, Rettungsring und Quietscheente einpackt und sich aufmacht „Insel zu fluten“ sei hiermit gegrüßt.

Bemerkungen:

(1) „Kompakt Nachrichten – …wir sprechen Deutsch!“ veröffentlicht unter anderem eine Kolumne von Hans Püschel. Die eine oder der andere kennt ihn vielleicht noch. Die Titanic widmete ihm einen Brief. Er ist derjenige Ex-SPDler aus Sachsen-Anhalt, der sich einfach mal den NPD-Parteitag anschauen wollte und dann selbst NPD-Mitglied wurde.

(2) Was diese Wählergemeinschaft da zu melden hat, ist mir unklar. Die Nähe zu Zella-Mehlis/Meininigen und dem Fall Mary-Jane sei zu beachten. Hildburghausen ist in jedem Fall auch nicht gerade unbefleckt was die Zusammenrottung zum Mob betrifft: Die NPD und andere parteilose Deppen reifen dazu auf, sich vor dem Haus des CDU-Lokalpolitikers Zeca Schall zu versammeln und ihm eine „gute Heimreise“ zu wünschen. Mehr dazu z. B. in einem Beitrag in der WELT.

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