Ich könnte viele Geschichten von Martin erzählen, will es aber bei zwei belassen, die im Gegensatz zu seiner Schreibe für bildungsferne und musikverachtende Trinkerinnen wie mich geeignet sind:
Ich habe Martin das erste Mal im BAZ110, seiner Zeit das bedingt autonome Zentrum in Stuttgart, gesehen. Es ging gegen das Geheule der Plattenindustrie, deren Vertreter in den so-called Feuilletons es immer noch anstimmen, und für den Fortschritt in der Musik. “Jenseits der Rezession” war der Titel und anticon, constellation sowie antifolk das Thema.
Mit Ende des Vortrags wurden die übrigen Getränkebestände des BAZ110 untersucht, gefunden wurde nur warmer Billigvodka sowie keine Gläser. Wie den also Trinken? Mit den Alubechern von Teelichtern. Und der verstorbene Martin Büsser wusste wo er seine Prioritäten zu setzen hatte. Beim Mittrinken nämlich, auch länger als ich. Vermutlich, denn das wirkliche Ende dieses Abends liegt im Dunkeln. (Soviel zu Trinkbehätnissen, um Linus’ Ball auf zu nehmen.)Martin war Referent auf meiner ersten Flatrate-Party. Aber nur Vorband, über die Geschichte des Punk. Hauptact an dem Tag war Lee Hollis, über seine wilde Punkerjugend in Südstaaten der USA (Alabama, wenn mich die Erinnerung nicht täuscht.) Dies Ganze im Rahmen einer Fotoausstellung, bei der man mit dem vertretbaren Eintritt auch Getränke frei hatte. Dass dieses Konzept bei einer Veranstaltung mit Punk-affinem Publikum scheitern musste war klar. Dass ich mich anschließend mit Martin nicht mehr unterhalten konnte, auch. (Später am Abend geriet ich noch in eine Polizeikontrolle die stolze 2,8 feststellte.)
Ich habe von Martin intellektuell und menschlich mehr gelernt als von den meisten meiner Lehrer, und bin entsprechend unendlich traurig. Prost Martin!
September 2010
11 posts
Liebe Freundinnen und Freunde,
nach schwerer Krankheit verstarb heute unser Freund, Genosse und
Kollege Martin Büsser mit 42 Jahren.![]()
Der Ventil Verlag hat ihm viel, genauer alles zu verdanken.
In Trauer und Fassungslosigkeit,
Ingo Rüdiger, Jonas Engelmann, Oliver Schmitt, Jens Neumann, Theo Bender
Während mir wie ein bockiges Kind theatralisch-dumm über die triviale Marginalität meiner eigenen Existenz keine Gedanken sondern Emotionen mache, verschwindet sang und klanglos ein Stück in Gebäude, Raum und Ansammlungen von Menschen und Ereignissen manifestierter Sinn: die Reitbahnstr. 84 in Chemnitz.
Leider ist mir vollkommen unklar warum das so weitgehend unkommentiert passiert. Wieso stören sich so wenige daran? Ok, ich treibe mich eher selten auf der diy-BILD für Linke (indymedia) rum und wenn ich Teil von Mailinglisten oder Telefonketten bin, dann wohl eher anderer Couleur („saugeiler newsletter“), deshalb habe ich keinen Einblick in den diesbezüglichen Diskurs von Besetzer_innen anderer Orte und deren Perspektive oder Solidarität (haha). Ich vermute spontan die ausbleibenden Reaktionen hängen eng zusammen mit der Art und Weise wie die „Politik“ der ReBa84 war und wie das alles zu Ende geht. Denn das passiert, dem Duktus besetzter Häuser nach, auch eher unspektakulär: Schlüsselübergabe an die GGG. Das war’s. Hier wird noch selbst geräumt. So war zumindest die “Abmachung”. Dem entgegen gab es dann doch noch einen Polizeieinsatz am vergangenen Samstag der irgendwo zwischen Räumung, Symbol und Zeitvetreib zu liegen scheint… Wer sich jetzt denkt: selbst schuld, was geben die auch einfach auf, Widerstand, blabla; den_die möchte ich nochmal darauf hinweisen, dass es hier um ein Gebäude/Projekt geht, welches in der Stadt Chemnitz befindet resp. befand. Eine Stadt, in der es in jeder Facette des Lebens unfassbar eklig ist. Wer kann, haut ab. Und dass es ein solches Unterfangen überhaupt geben konnte wundert mich bis heute. Ein weiteres Moment muss bei der ReBa84 auch betont werden: hier wurde nicht nur besetzt, um ein Haus zu haben in dem man das Stahlbad resp. den Fun je nach Belieben oder Weltanschauung ausleben kann.
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Das Anliegen der in diesem Haus aktiven Menschen wurde sehr früh und sehr ausführlich in die Öffentlichkeit getragen. Mit dem Reader „exka – experimentelles Karree“ (Reader des Exka und Stand der Dinge hier, Chronik der Entwicklung da) wurde das ausformuliert, was man sich unter einer lebenswerten und vor allem machbaren Umwelt in einer Stadt wie Chemnitz vorstellt. Und das bedeutete nicht nur die vielfältige Nutzung des ersten besetzten Gebäudes (Reitbahnstr. 84) mit bestimmten Grundsätzen, sondern vor allem auch der Versuch einer Gestaltung der umliegenden Straßen und Plätze gemeinsam mit Interessierten und Anwohner_innen (vgl. den Zynismus: Beifall bei einem Übergriff auf die ReBa84 von gegenüberliegenden Fenstern).
Entscheidendes Moment an ausbleibender Trauer oder Solidarität ist anscheinend die “Abkopplung” von Basis und Szene. Diese geschah mittels bürgerlich-medialer Aufmerksamkeit und der Nutzung ebendieser; bestes Beispiel hier der MDR, also der Sender, der sonst weite Teile seines Programms damit füllt seinen Zuschauer_innen zu erzählen, dass vor ihrer Tür das Grauen nur so auf sie wartet und alle (nicht-weißen, nicht-deutschen) Menschen ihnen nur Böses antun, ihnen also ihr Geld mittels Tricks (also ihrer eigenen Dummheit) abzocken wollen. Und genau dieser Sender strahlte einen Beitrag aus, der das Elend der alten, grimmigen Deutschen, die Chemnitz mit latent oder manifest faschistischem Konservatismus dominieren, als solches (in anderen Worten) benannte und nicht verdrängte oder als begrüßenswert darstellte (inwiefern es da primär um diskursive Verschiebungen hin zu diversity management/humane Ressourcen um die Alten abzusichern geht sei erstmal dahingestellt). Edit: Video zum Beitrag gibt es hier.
In die benachbarten Gebäude sollen studentische Wohngemeinschaften einziehen, die Reba84 selbst soll hingegen erst einmal lediglich leergezogen werden, denn Pläne gäbe es momentan nicht: Die derzeitige Nutzung steht im Widerspruch zum Viertel und dem geplanten Vorhaben. Dass es durchaus Spaß machen kann, eine im permanenten „Wandel“, d.h. Niedergang, befindliche Stadt herauszufordern, das zeigten die vergangenen zweieinhalb Jahre.
Die an der ReBa84 bzw. dem experimentellen karree beteiligten Menschen haben sich Gedanken gemacht wie ein partizipatives, anderes Leben konkret aussehen kann und kommunizierten es ebenso. Das Ende vom Lied ist, dass sie nachträglich eine quasi-Wächterhaus-Rolle einnehmen und als Zwischennutzung in das Konzept von Ordnung reinkategorisiert werden und nun: das Gebäude verlassen müssen. Die GGG (zuständige Immobilienverwaltung) und die Stadt (in Form von Stadtverwaltung) machen nun attraktives studentisches Wohnen daraus, dessen Finanzierung durch EFRE-Mittel überhaupt erst durch ExKa e.V. und die entsprechenden Vorhaben akquiriert wurden, dann aber uninvestiert blieben (bleiben mussten). Und so wird die ReBa84 ggf. ein absurdes Beispiel für eine strategische „Gentrifizierung (von unten)“ bilden.
Eingebettet in eine ganze Schar von Schließungsdiskussionen von Radiosendern und alternativen Jugendzentren, ist die Reba ein Teil des final Leichentuchs, das sanft wie eine Schneedecke über die Stadt geweht wird, nur geht es hier nicht um städtische Mittel, sondern um einen Ausdruck verkrusteter Mentalität: Wenn die ReBa schon nicht aus finanziellen Gründen untergeht (wie Anfangs erhofft), dann soll sie nicht sein, weil sie nicht sein darf. An ihr ist doch so gar nichts eierschalenfarben, beige oder saniert, soll heißen, mit ihren eingedäpperten Scheiben (die andere Extremisten und Unruhe anziehen), hat sie hier nichts zu suchen.
“So wird zu den besten Sendezeiten und in herausgehobenen Features renommierter Zeitungen unter dem Topos des neue Feminismus für das bürgerliche Klientel gestritten, deren Interessen allerdings mit einem versämtlichenden “Wir” verallgemeinert weren. Die Anderen, die nicht der F-Klasse, die nicht den Alphamädchen angehören, finden keine Erwähnung. Mit ihrer inhaltlichen Fokussierung auf die individuellen Berufskarrieren schließen die lautstarken Akteurinnen an die liberalfeministischen Positionen der 1970er und 1980er Jahre an. Damals wie heute geht es um eine reformistische Politik, welche Gleichstellungspolitik als Anpassungspolitik betreibt und von weißen gebildeten Frauen der Mittelschicht angeführt wird. Ihr Ziel ist es das priviligierte Leben - wie sie es von weißen Männen aus dem Mittelstand vor Augen sehen - für sich durchzusetzen. Vergessen scheinen all die Lernprozesse, die von Schwarzen Feministinnen, Lesbengruppen, aber auch ostdeutschen Frauen eingefordert wurde. Allein die Frage, welchen Nutzen eine Reinigungsfrau oder eine Sexarbeiterin von dieser Art Gleichstellungspolitik haben soll, fällt aus dem selbst gesteckten Rahmen heraus. Damit wird aufs Neue Feminismus nicht mit Herrschaftsverhältnissen wie Kapitalismus oder Rassismus in Verbindung gebracht.”
Melanie Groß und Gabriele Winker (2009): Queer-|Feministische Praxen in Bewegung. Hier nachlesbar.
In Frankreich wurde eine jüdische Lehrerin suspendiert, weil sie den Holocaust zu ausgiebig behandelte. Die Behörde wirft ihr “Gehirnwäsche” vor.
Eine jüdische Geschichtslehrerin ist in Frankreich vom Dienst suspendiert worden, weil sie im Unterricht zu viel Zeit auf den Holocaust verwendet hat. Die Schulaufsichtsbehörde werfe der 58-jährigen Lehrerin aus der ostfranzösischen Stadt Nancy vor, sie habe ihre Schüler einer regelrechten „Gehirnwäsche“ unterzogen und gegen den in Frankreich geltenden Grundsatz der Trennung von Staat und Kirche verstoßen, sagte ihre Anwältin Christine Tadic. Möglicherweise sei der eigentliche Fehler ihrer Mandantin aber, „Jüdin zu sein“.
Ach, die Piusbruderschaft… da wurde der Begriff “Linksfaschismus” auch nochmal passend zurecht ideologisiert: “Linksfaschisten rufen zur Gewalt gegen Lebensrechtler auf”. Hier die Highlights der Idotie-Eloquenz:
- Linksfaschisten im Verein mit Feinden des Lebens
- Typisch für diese totalitären Gruppen, die immer stärker die Straße beherrschen, ist der Angriff auf jede öffentliche Veranstaltung, die ihrer linksfaschistisch-totalitären Ideologie widerspricht.
- rot lackierten Nazis unter ihrem Kreuzzug “Kreuze in die Spree”
- “Abtreiben nach Belieben”
- die staatlich geförderte Abtreibungsberatungsorganisation “pro familia”
- der “Durchblick e.V.” versandte Embryo-Modelle an Haushalte im Saarland